Veröffentlicht am: [Datum] | Von: Anja Ruhm

Wenn Kinder beim Schreiben den Stift so fest umklammern, dass die Finger weiß werden, oder wenn sich beim Schneiden mit der Schere unwillkürlich der Mund mitbewegt, suchen Eltern oft Rat in Schreibtrainings oder Ergotherapien. Doch was, wenn die Ursache viel tiefer liegt – in einem Reflex, der eigentlich schon lange „schlafen“ sollte?
In meiner Arbeit mit der INPP®-Methode begegne ich häufig dem persistierenden (noch aktiven) Greifreflex. Er ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine neuromotorische Unreife den Schulalltag massiv erschweren kann.
Der biologische Ursprung: Greifen als Überlebensprogramm
In den ersten Lebensmonaten ist der Greifreflex überlebenswichtig. Er sorgt dafür, dass ein Säugling sich festklammern kann. Normalerweise wird dieser Reflex bis zum Ende des ersten Lebensjahres durch bewusste Greifbewegungen abgelöst.
Bleibt dieser Reflex jedoch aktiv, bleibt die Handfläche extrem sensibel. Jede Berührung der Hand – zum Beispiel durch einen Stift – löst einen unbewussten Impuls zum Festzuhalten aus. Das Kind muss dann aktiv gegen den eigenen Reflex ankämpfen, um den Stift locker zu führen.
Typische Warnsignale im Alltag
Wenn das Nervensystem an dieser Stelle noch Nachreifung benötigt, zeigen sich u.a. oft folgende Symptome:
- Verkrampfte Stifthaltung: Der Stift wird zu fest gedrückt, was zu schneller Ermüdung und Schmerzen in der Hand führt.
- Die Hand-Mund-Verbindung: Da Hand- und Mundbewegungen neurologisch eng verknüpft sind, bewegen viele Kinder beim Schreiben oder Basteln die Zunge mit oder machen Kau-Bewegungen (Babkin-Reflex).
- Unleserliches Schriftbild: Trotz großer Anstrengung wirkt die Schrift krakelig, da die feine Fingersteuerung durch den groben Greifimpuls blockiert wird.
Wusstest du schon? 🧩
Hand und Mund sind im Gehirn eng miteinander verschaltet. Deshalb bewegen viele Kinder ihre Zunge mit, wenn sie sich beim Schreiben oder Basteln konzentrieren. Es ist ein direktes Zeichen dafür, dass das Nervensystem hier noch Unterstützung beim „Trennen“ dieser Bewegungen braucht.
Mehr als nur „schön schreiben“

Das Problem betrifft oft nicht nur die Hand. Ein aktiver Greifreflex kann auch Auswirkungen auf die Artikulation (deutliches Sprechen) haben, da die Hand-Mund-Kopplung die Zungenfertigkeit einschränkt.
Hier hilft kein reines Üben der Buchstaben. Wir sollten an der Basis ansetzen:
- Messbarkeit: Mit standardisierten Tests prüfe ich im NPZ Ruhm, ob der Greifreflex noch aktiv ist.
- Nachreifung: Durch ein gezieltes, häusliches Übungsprogramm geben wir dem Nervensystem die Chance, die Trennung von Hand- und Mundbewegungen sanft nachzuholen.
- Freiheit in der Hand: Erst wenn der Reflex „ruht“, wird die Hand frei für eine lockere, flüssige Schreibweise.
Ein stabiles Fundament schaffen
Wenn wir die neuromotorische Basis stärken, nehmen wir den Druck von den Kindern. Schreiben wird von einer körperlichen Höchstleistung zu einer Fertigkeit, die Freude bereiten darf.
Beobachten Sie bei Ihrem Kind ähnliche Anzeichen?
Gerne unterstütze ich Sie dabei, die Ursachen zu klären. Ich bin für Sie im Landkreis Leipzig mobil vor Ort oder in meinen Beratungsräumen da.

Anja Ruhm
Ich helfe Ihrem Kind, die Hand frei für das Lernen zu machen. Lassen Sie uns gemeinsam schauen, wie wir die Basis stärken können.
Wichtiger Hinweis: Die Inhalte in diesem Wissensbereich dienen der pädagogischen Information über neuromotorische Zusammenhänge. Sie stellen keine medizinische Beratung oder Heilbehandlung dar und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Therapie. Bei gesundheitlichen Fragen oder dem Verdacht auf klinische Störungsbilder wenden Sie sich bitte an eine entsprechende Facharztpraxis. Die beschriebene INPP®-Methode ist ein pädagogisches Förderprogramm zur Unterstützung der neuromotorischen Nachreifung.
